r Dreams
Michel Franco, Mexico, USA, 2025o
Believing that his American lover, Jennifer, is on his side, Fernando, a young Mexican ballet dancer, enters the US illegally to make his dreams come true in San Francisco. After their passionate reunion, however, the woman from a wealthy family behaves so erratically that Fernando decides to make his own way in life. When he manages to join a dance company sponsored by Jennifer’s family, his fortunes seem to be turning.
Dreams ist der vierte englischsprachige Film des mexikanischen Regisseurs Michel Franco und - nach dem Demenzdrama Memory - sein zweiter mit dem Hollywoodstar Jessica Chastain. Ähnlich wie bei seinem bekanntesten bisherigen Werk Nuevo Orden, wo der Umschlag von politischem Chaos in autoritäre Herrschaft durchbuchstabiert wurde, zeigt sich Franco dabei als kühler Konzepter, der eine Versuchsanordnung mit nüchternem Blick anlegt und sein Publikum weniger emotional als intellektuell zu fesseln versucht. Im Fall von Dreams mutet dies zunächst paradox an, weil der Film von einer sexuellen Obsession erzählt: Der junge mexikanische Tänzer Fernando kommt in einem Lastwagen illegal über die amerikanische Grenze und schlägt sich nach San Francisco zu seiner zehn Jahre älteren amerikanischen Geliebten durch. Diese ist als Tochter eines steinreichen Kunstmäzens eine bekannte Gesellschaftsgrösse, die bei Vernissagen und Ballettpremieren mit makellosen Kostümen und Manieren auftritt. Nur ihren jungen mexikanischen Lover mag sie da so wenig vorzeigen wie vor ihrem konservativen Vater und ungehobelten Bruder. Es kommt, nach ekstatischer Phase, zum Zwist: Fernando schlägt beleidigt und riskant eigene Wege als illegaler Einwanderer zwischen Tanztraum und Aushilfsjobs ein, Jennifer bleibt halbheimlich an ihm dran und fädelt seine Aufnahme in eine Kompagnie ein. Das Besetzungsproblem an dieser Achterbahnfahrt ist, dass Franco einen starken Tänzer dafür brauchte und in Isaac Hernández einen fand, der als Schaupieler weniger Charisma hat. Jessica Chastain irritiert ihrerseits mit dem Lavieren ihrer Figur zwischen Leidenschaft und Distanziertheit - doch gerade ihre versteckte Agenda ist Francos dramaturgischer Kniff. Wir verraten die Pointe selbstredend nicht und schlagen stattdessen vor, Dreams als Parabel auf das mexikanisch-amerikanische Verhältnis oder auf jenes zwischen dem verwöhnten globalen Norden und dem hungrigen Süden zu lesen: Das unterkühlte Erotikdrama wird da unversehens zur bitteren Anklage.
Kerstin Blank
