r Vie privée
Rebecca Zlotowski, France, 2025o
When renowned psychiatrist Lilian Steiner learns of the death of one of her patients she is deeply troubled. Convinced that it was murder, she decides to investigate.
Im Kino wird jede:r Zuschauer:in zum/r Psychoanalytiker:in. Im Sitz versunken, sehen und hören wir, was uns der Film zu sagen hat: über sich selbst, seine Autor:innen, seine Zeit. Zugleich ist jede Vorführung eine Hypnosesitzung, bei der uns die Bilder in ihren Bann ziehen. Letztlich liegt es an den Filmemacher:innen, welche Rolle sie uns zuweisen. In Vie privée entscheidet sich Rebecca Zlotowski (Les enfants des autres), uns über die Figur der erfahrenen Psychotherapeutin Lilian (grandios: Jodie Foster) beide Rollen zugleich anzuvertrauen: Als Lilian erfährt, dass eine ihrer Patientinnen (Virginie Efira) sich das Leben genommen hat, verfällt sie in unkontrollierbares Weinen. In ihrer Verzweiflung bucht sie eine Hypnosesitzung, nach der zu ihrer Überraschung jegliche Träne versiegt. Noch erstaunlicher: Lilian glaubt, in diesem Zustand der Hingabe Hinweise auf den Tod ihrer Patientin erhalten zu haben, der in Wahrheit ein Mord gewesen sein könnte. Zunächst verdächtigt sie die Tochter, dann den Ehemann der Verstorbenen, schliesslich zieht sie ihren Ex-Partner (berührend: Daniel Auteuil) in eine verstörende Ermittlung hinein. Angesichts dieser hypnotisierten Psychoanalytikerin rutschen wir unruhig in unserem Sessel hin und her: Sollen wir sie kühl als klinisches Studienobjekt betrachten? Oder uns blind ihren Visionen hingeben? Das Nichtwissen kann ein Genuss sein! Als versierte Regisseurin verleiht Zlotowski ihrer ungewöhnlichen Untersuchung eine erstaunliche Dynamik: Die Handlung nimmt einen unerwarteten Verlauf, jede neue Erzählschicht verdichtet das Geheimnis, und die traumartige Bildgestaltung von George Lechaptois hält diesen Zustand der Unbestimmtheit geschickt aufrecht. «Auf der Couch des Analytikers erfindet man sich ein Leben», sagt der Ehemann von Lilians verstorbener Patientin. In den Mund einer Filmfigur gelegt, sind diese Worte umso mehr im Einklang mit dem, was das Kinoerlebnis ausmacht: das eigene Innenleben durch erfundene Leben zu erweitern.
Émilien Gür
